Dienstag, 30. Dezember 2014

Sind wir alle Cyborgs?

Wohl alle Menschen unterscheiden sich darin, ob und wie sie welche Arten von Technologie nutzen. Das fängt an bei Internet oder Smartphones, streckt sich über soziale Netzwerke und Communities bis hin zu Kommunikationsplattformen. Und so gibt es natürlich immer welche, die eine höhere Bereitschaft aufweisen, "neue" Plattformen und Kommunikationswege auszuprobieren und zu nutzen, aber auch jene, die hier vorsichtiger oder kritischer denken und vorgehen. Dass das alles seine Daseinsberechtigung hat und so sein darf/kann/MUSS(!), wurde an anderer Stelle ja schon ausgiebig diskutiert. So gibt es natürlich auch in meinem Bekanntenkreis eine Handvoll Personen, die beispielsweise keinen Facebook-Account haben. Diejenigen, bei denen das sehr wohl der Fall ist, deren Namen und Posts nimmt man immer wieder in seinem Newsstream wahr, und das alleine schafft ein geswisses Gefühl der "Verbundenheit". Daruf komme ich nochmal zurück. Jene Leute, die dort nicht präsent sind, werden also im Facebook-Kontext gar nicht wahrgenommen. Ist ja auch OK, man hat ja noch unterschiedliche andere Kontaktmöglichkeiten. Alles ein alter Hut, wir kennen das ja alle schon.
Nun habe ich allerdings vor wenigen Wochen zum ersten Mal nach längerem Kontaktmangel eine alte Freundin getroffen. Umstandsbedingt leider nur sehr kurz, trotzdem war es sehr schön, und wenigstens für ein paar kurze, dafür aber dann doch intensive, Gespräche reichte es. Obenstehende Angelegenheit wurde ebenfalls thematisiert. Zum einen machte sie ihren Standpunkt klar, dass es eine klare Verbindung zwischen "betriebener Aufwand, um in Kontakt zu treten" und "persönliche Wertschätzung" gäbe. Simple Argumente dagegen fielen mir in dem Moment nicht ein, eher direkt das Gefühl "das kann man jemandem, der nicht weiß, wie 'das' ist, nicht erklären". Die Alternative wäre noch sowas gewesen wie: "Ey du Spacko dum fiel? Denk nicht so okeh? Find ich nicht gut ja?", aber dessen inhaltliche Stichhaltigkeit sah ich zumindest auf den ersten Blick nicht.
Dann aber kam, und das beschäftigte mich im Nachhinein viel mehr als ich erwartet hätte, und ist indirekt auch Grund für diesen Beitrag hier, die Theorie, bei all der Soziale-Netzwerke-/Messenger-/Web2.0-/etc.-Sache handle es sich um einen Hype, der genauso wie eine Finanzblase oder ähnliches früher oder später explodieren würde, damit wieder mehr "Realleben" Einzug halte. Auch hier konnte ich erst mal nicht viel mehr dazu sagen als "Äääh.. nein, das glaube ich nicht". Und auch hier wieder dieses "Du nutzt Facebook ja nicht, also kannst du gar nicht verstehen, wie das ist".
Treten wir einen Schritt zurück. Oder sogar zwei bis drei Schritte. Das Leben auf diesem Planeten - ok, ich gebe zu, es waren mehr als drei Schritte - ist ein derart komplexes System, dass wir zwar problemlos die einzelne Bausteine verstehen (wie DNA funktioniert, was bestimmte Proteine so machen, wie einzelne Zelltypen funktionieren,..), aber das große Zusammenspiel erstaunt und begeistert uns immer wieder, und selbst unser eigenes Bild ist derart im Wandel, dass viele neue Erkenntnisse immer vor allem eins machen: aufzeigen, wie unscharf unser Bild vom Funktionieren u.a. des menschlichen Organismus ist. Hier wissen wir mittlerweile, dass unsere DNA nur ein "Fertigungsplan" ist, der nur unter haargenau den physikalischen Bedingungen, die wir hier haben, sowie im entsprechenden chemischen Umfeld und nur wenn die entsprechenden weiteren biologischen Bausteine vorhanden sind (etwa diverse Bakterienkulturen) ein funktionierendes System herausbringen, das eben so funktioniert, wie wir das von Menschen gewohnt sind. Und alles, insbesondere natürlich all das, was wir als "Psyche" wahrnehmen und zusammenfassen, ist Produkt der gesamten Einflussfaktoren, die es gibt.
Die "Grenzen" zwischen Mensch und Umfeld sind fließend. Mikroorganismen z.B. im Verdauungstrakt sind Teil des Menschen, irgendwie ist aber umgekehrt der Verdauungstrakt selbst ja dann doch wieder "außen". Menschen, die etwa mit fehlenden Gliedmaßen zur Welt kommen haben auch nicht das Gefühl, ihnen würde etwas "fehlen" (und wenn, dann nur durch nachträgliche Beobachtung, also die Präsenz der Gesellschaft), andersrum kann man aber Prothesen jedweder Art mit ausreichend Übung als effektiven Körperteil wahrnehmen und nutzen lernen. Auf diesem Feld gibt es deutlich weitergehende Fortschritte, also mit richtiger "Neuronalkopplung", auch wenn diese simpler ist, als sie auf den ersten Blick klingt. Das Wichtige daran ist aber eben: diese "Integration" findet tatsächlich im Gehirn statt. Das Gehirn sammelt Erfahrungen im Umgang mit dem Werkzeug und macht es so zu einem Teil des Körpers selbst. Das geht natürlich noch weiter als "nur" Prothesen. Die Art, wie ein Künstler den Pinsel führt, oder ein Tennisspieler den Schläger - wie ein Puppenspieler mit seiner Marionette umgeht, da steckt so viel Erfahrung und Kontrolle darin, auch wenn das jeweilige Objekt ganz klar ein Fremdkörper ist, ist es in den Momenten der Nutzung ganz klar Teil des "Egos" der betroffenen Person. Meistens fehlt der "Rückkanal", also die sensorische Wahrnehmung im Objekt, etwa dem Pinsel. Stimmt dann aber auch nicht ganz: die taktile Wahrnehmung in der Hand wird hier einfach "verlängert". Das Gehirn lernt eben, dass je nach Druck an einer bestimmten Stelle einer Fingerinnenseite auch eine bestimmte Menge Druck vom Pinsel auf die Leinwand ausgeübt wird. Die Art der Vibration, wenn man über die Leinwand streicht, wird unterbewusst verarbeitet und z.B. verwendet, um sich bewusst zu machen, wieviel Farbe noch am Pinsel ist.
Die Beispiele mögen etwas unbeholfen sein, aber vielleicht ist klar, wie das gemeint ist. Wenn es also darum geht, einen "Cyborg" zu erschaffen, dann muss der vielleicht gar nicht aussehen wie Robocop, braucht vielleicht keine komplexen chirurgischen Eingriffe, um ein Interface Mensch-Computer im Hirn zu erschaffen. Diese braucht man eventuell nur, um eine *effizientere* Schnittstelle herzustellen. Schnittstelle selbst ist alles, worüber eine Interaktion generell möglich ist.
Jetzt gibt es aber doch schließlich schon Möglichkeiten, etwa unterschiedliche geometrische Formen, die man sich vorstellt, aus dem Gehirn "auszulesen". Ebenfalls jene, das Gegenteil zu erreichen: dem Menschen die Möglichkeit geben, zu "erraten", was für eine Form ihm gerade "eingegeben" wird. Es gibt simple Computerspiele, die man einfach nur durch Gedanken steuert. Und beides ohne chirurgische Eingriffe. Wir haben Brillen, die permanent Informationen einblenden können bzw. einblenden, und so eine Integration diverser Apps in unseren Alltag gewährleisten. Aber halt mal, so viel anders als unsere Smartphones ist das doch auch nicht. Und wenn wir nochmal etwas genauer hinsehen, fällt auch auf, dass der klassische Computer mit Monitor und Keyboard doch auch schon nichts anderes war.
Die reine Existenz des "Phantom Vibration Syndromes", also der Einbildung, das Telefon habe in der Tasche vibriert (oft, während man es nicht einmal in dieser Tasche hat) zeigt eigentlich schon, dass die "Vernetzung" viel tiefgehender ist als wir es wahrhaben wollen. Und das, obwohl Mobiltelefone im allgemeinen, Smartphones im Besonderen ja noch gar nicht so lange existieren. Trotzdem ist es auch hier wie beim Autofahren (übrigens auch ein gutes, klassischeres Beispiel): will man nur mal eben nachsehen, ob man eine neue Email hat, dann tut man das, ohne bewusst darüber nachzudenken, wie man das Smartphone nun in er Hand halten muss, um wo an welchen Knopf zu kommen, dann wie es zu entsperren, die richtige App zu wählen und so weiter. Vollautomatisch, wie Autofahren, wie der einzelne Schritt beim Laufen oder jede andere Prozess, der einfach ans Unterbewusstsein "ausgelagert" wird.
Ob und wie man also etwas nutzt, und wie sowie vor Allem wie *tief* man es in sein Leben integriert, hat also eine viel tiefergehende Auswirkung als man es sich bei oberflächlicher Betrachtung bewusst wird. So dargelegt mag es offensichtlich und unspektakulär sein, aber moment einmal: wir haben also Smartphones erst seit einigen Jahren, und trotzdem haben sie sich wie eine Harpune tief in unsere Leben geschossen, sind da verankert und verwurzelt, so sehr, dass es einem erst richtig auffällt, wenn man es mal irgendwo vergessen hat oder der Akku leer ist. Schon beeindruckend. Ich nenne es jetzt extra nicht "erschreckend", weil die Beurteilung dieser Tatsache möchte ich an dieser Stelle gar nicht vornehmen, das ist eine sehr persönliche Frage. Wichtig ist aber, sich bewusst zu machen, dass es eben nur so wenige Jahre waren - im Gegensatz dazu aber die nächste Generation mit den entsprechenden Technologien groß wird. Den entsprechenden Stellenwert werden beispielsweise soziale Netzwerke, um jetzt wieder zum Ursprungsthema zurückzuleiten, also auch im Alltag - und viel mehr als das, wirklich physisch *in den Köpfen* der Menschen - einnehmen. Das sind alles nicht Dinge, die "da drin" passieren, "im Computer" oder "im Smartphone". Die Art und Weise und die Häufigkeit der Kommunikation mit Anderen wirkt sich tiefgehend auf unsere Wahrnehmung, unser Bild dieses Menschen aus. Ich erwähnte eingangs dieses "Verbundenheitsgefühl", das durch scheinbare Kleinigkeiten ausgelöst wird. Das ist keine Kleinigkeit. Das ist ein immenser Teil unseres Egos. Es geht hier nicht um reine Kommunikation, um reines "ich mache einen Termin für eine Party mit Person X aus". Es geht um tatsächliche zwischenmenschliche Beziehungen. Dem Trend folgend (etwa kurze Videos statt langen Filmen etc.) werden Details, also kurzfristige Kommunikation zum Beispiel, immer bedeutender, und es geht immer mehr und mehr um Masse. Allein der Gedanke, wieviele "einzelne Dinge" man in wenigen Minuten machen kann: ein wenig durch die Timeline scrollen, hier ein lustiges Bildchen sehen, "Like" klicken, weiterscrollen, ach schau, was der Jörg da geschrieben hat, "Like", "LOL DU PENNER" antworten, weiterscrollen, ah schau, neue Benachrichtigung, die Mathilde hat vierhundert Punkte im Spiel "Die virtuelle Klowand" gemacht, ah stimmt ja, da wollte ich ja auch noch schnell reinschauen, also im neuen Tab öffnen, während es lädt weiterscrollen, ah schau, das Katzenvideo kenn ich doch, brauch ich gar nicht anzusehen, "Like" klick ich aber trotzdem, oh, der Jörg hat geantwortet: "HAHA SELBER MAN!", da klick ich auch direkt "Like", Tabwechsel, Klowand putzen, geil, zweitausend Punkte, weil das so gründlich war, gibt direkt nen neuen Badge, das poste ich doch mal auf meine Pinnwand, kann die Mathilde ruhig sehen, was ich drauf hab, oh, und da liket sie es auch schon, ach apropos, hat noch wer was zu dem Foto von meinem Frühstück geschrieben? Ja, klar. Wieder der Jörg. Der hats sogar geteilt. Wie geil.
Was bleibt im Unterbewusstsein zurück? "Der Jörg ist cool. Mathilde auch. Ich habe gerade mit ihnen Spaß gehabt. Mit Jörg gequatscht, mit Mathilde etwas gespielt. Diese Erfahrung ist gleichwertig der selben Handlung im echten Leben. Das IST das echte Leben!" Und nochmal, das ist kein bewusster Prozess - sondern ein gelernter, unterbewusster. Und dabei ist das doch alles noch so neu! Wenn man uns das plötzlich "wegnehmen" würde, was würde denn dann passieren? Andersrum, was müsste passieren, damit wir - einzeln oder als Gruppe - selbst den Entschluss fassen, darauf zu verzichten? Und hier geht es um viel mehr als nur das besagte Beispiel mit Facebook! Die "Integration" in unsere Gehirne mag ja schon recht tief gehen, aber wie wird das erst in 20 Jahren aussehen? Genug Leute spekulieren hier ohenhin schon, aber die generelle Marschrichtung scheint klar.
Was heißt das jetzt? Ist das jetzt gut oder schlecht? Sollten wir uns in irgendeiner Form ändern? Klammern wir uns in unsern Köpfen nur an das romantisierte, bekannte Vergangene? Das soll natürlich jeder selbst einschätzen. Wichtiger als das ist es aber, hier Bewusstsein zu schaffen - vielleicht wird der eine oder andere in seinem Alltag Situationen identifizieren, in denen sich klare "Cyborg-Momente" zeigen.

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